KKMFDM


KMFDM ist ein Wortspiel und steht für "Kein Mehrheit für die Mitleid". Die Band gibt es bereits seit Anfang 1984. Da der Erfolg in Deutschland zunächst ausblieb, verschlug es Mastermind Sascha Konietzko 1990 nach einer gemeinsamen Tour mit Ministry in die USA. Seitdem lebt er auf der anderen Seite des Ozeans. Der erhoffte Erfolg stellte sich dort ein und KMFDM gingen rasch als Headliner auf Tour. Nach Konzerten mit Rammstein erinnerte man sich auch in der Heimat wieder an die verlorenen Söhne. Im Januar war Sascha Konietzko für einige Zeit in Deutschland, um das neue KMFDM-Album "Attak" zu promoten. Die perfekte Gelegenheit für ein Gespräch:

Nach dem ganzen Durcheinander in den letzten Jahren haben viele Fans wohl nicht mehr mit einem KMFDM-Album gerechnet. Erzähl doch mal... Wer ist jetzt KMFDM und wie kam es, dass die Band jetzt doch wieder belebt wurde?

Sascha Konietzko: KMFDM ist ein rotierendes Prinzip. Ein mehr oder weniger großer Club von Leuten, die sich immer mal wieder auf eine Platte einlassen. Und das ändert sich von Album zu Album. Im Moment ist es eine Besetzung, die man schon lange kennt und liebt. Es sind Raymond Watts von The Pig, die Sängerin Lucia Cifarrelli, Bill Rieflin, der Trommler bei Ministry und Revolting Cocks war, Tim Skold, ... also alles Leute, die schon seit mehreren Jahren mit KMFDM zusammen arbeiten.

Kann man davon ausgehen, dass KMFDM auch über das neue Album "Attak" hinaus existent bleibt?

Sascha: Klar! MDFMK war KMFDM in der Zwischenzeit. Rückblickend war es einfach nötig, KMFDM eine Weile pausieren zu lassen. Damals sah es so aus, als ob es das Ende von KMFDM ist. Die Visionen waren zu unterschiedlich, so dass kein Zusammenarbeit mehr stattgefunden hat. Nicht, dass sie nicht mehr möglich war. Sie hat einfach nicht mehr stattgefunden. Nachdem die Plattenfirma nach Verhandlungen grünes Licht für ein bestimmtes Budget gegeben hat, kontaktiere ich meistens alle für die neue Platte in Frage kommenden Musiker. Dann sammeln wir normalerweise die nächsten drei, vier Monate Material, kommen zusammen, machen Overdub-Sessions und legen einen genauen Zeitplan fest. Beim letzten Album haben Tim und ich dann angefangen, aber von den anderen, speziell von En Esch und Günter Schulz, kam einfach nichts. Zu zweit KMFDM weiter zu machen, hätte nichts gebracht. Also machten wir unser eigenes Ding, zumal unser Vertrag mit Wax Trax - der ging über zehn Alben - abgegolten war.

Wann haben die Arbeiten zu "Attak" begonnen?

Sascha: Konkret angefangen haben wir letztes Jahr im März, nachdem es grünes Licht vom Label gab. Das heißt aber nicht, dass es keine Vorarbeit gab. Ideen und Material sammelten wir vorher auch schon. Im Grunde genommen lässt sich auf "Attak" auch Material finden, das Ende 1999 geschrieben wurde. Das Album hat sich langsam angebahnt.

Worum geht es inhaltlich auf "Attak". Spielt die politische Situation der letzten Monate thematisch auch eine Rolle?

Sascha: Es ist kein Konzeptalbum im üblichen Sinne. Es ist nur insofern ein Konzept, dass es ein KMFDM-Album ist. Das Konzept ist, wie die Platte gemacht ist, und nicht der Inhalt. Inhaltlich geht es natürlich um politische Sachen, aber nicht um Parteipolitik. Der Kopf ist geradeaus gerichtet, man hat ein Gehirn, das man benutzen kann und man sollte sich nicht verarschen lassen. Das ist immer das Grundthema von jedem KMFDM-Album. Da wir keine Liebeslieder schreiben, müssen wir uns mit anderen Dingen auseinandersetzen. Je nachdem, wer ein Stück singt oder geschrieben hat, stecken auch die inhaltlichen Ideen der jeweiligen Köpfe in den Songs. Früher waren unsere Booklets ja nicht besonders umfangreich. Diesmal haben wir sehr viel wert darauf gelegt, das Booklet mit detaillierten Informationen zu versehen. So kann man jetzt genau nachvollziehen, wer was bei welchem Stück gemacht hat.

Woher kommt die Inspiration für KMFDM?

Sascha: Meine Inspiration kommt von dem, was ich täglich erlebe. Von Leuten, die ich treffe oder mit denen ich spreche. Von Sachen, die ich lese oder im TV sehe... Das ist dann der Inhalt meines Kopfes, wenn ich die Grundarbeit mache. Man setzt sich an ein Gerät und entlockt diesem Sounds, nimmt sie auf und erstellt erst mal eine Sammlung. Die inhaltliche Komponente kommt dann beim Schreiben der Texte. Wenn man sich dazu entschließt, aus einem Basis-Track ein Lied zu machen.

Hast Du eins, zwei absolute Favoriten auf dem Album?

Sascha: Das ändert sich ständig. Seit einem Monat habe ich das Album nicht mehr gehört. Nach so einer intensiven Arbeitsphase muss erst mal etwas Zeit vergehen, bevor man sich das selber wieder anhören kann, ohne in die Automation zu verfallen, den Regler hoch oder runter schieben zu wollen. Ich bin ein absoluter Tüftler und kann mich nur schwer von einer Sache losreißen. Das Problem dabei ist, dass zunächst ein emotionaler Loslösungsprozess stattfinden muss, bevor ich etwas beende. In dem Moment, wo ich das Material der Plattenfirma übergebe, ist aber Schluss. Auch wenn man später vielleicht feststellt, dass man manche Sachen noch hätte anders, besser machen können. Aus dieser Erinnerung heraus sind meine Favoriten "Urban Monkey Warfare" und "Attak/Reload". Aber das kann beim nächsten Hören schon wieder ganz anders sein.

Ihr habt "These Boots Are Made For Walkin´" von Nancy Sinatra gecovert. Warum diesen Song? Und warum als erste Single?

Sascha: "These Boots Are Made For Walkin´" ist eine von drei Coverversionen, die KMFDM jemals gemacht haben. Die Idee, diesen Song zu covern, ist bei uns schon einige Jahre alt. Nur diesmal haben Tim und ich gesagt, wir machen das jetzt einfach. Das war auch das erste Stück, mit dem wir anfingen. Erst mal einen lockeren Einstieg ohne sich irrsinnig viele Gedanken machen zu müssen, um wieder der KMFDM-Machart zu verfallen. Zu dem Zeitpunkt war noch gar nicht klar, ob es überhaupt eine neue Single geben wird. Als wir damit fertig waren, arbeiteten wir an anderen Stücken, um eine Basis für das Album zu schaffen, um festzustellen, in welche Richtung es geht. Wir schickten uns gegenseitig das Material. So machte es die Runde und jeder hatte immer etwas, woran er gerade arbeitete und konnte so seine Ideen mit einfließen lassen. Hinterher war klar, dass es diesmal auf jeden Fall genug Stücke für ein Album und eine Single gibt. Tatsächlich enthält das Album jetzt elf Stücke. Sonst waren es immer zehn. Darum haben wir diese EP als Vorgeschmack auf das Album veröffentlicht. Die Stücke der EP sind aber nicht mit auf dem Album. Warum sollen wir den Fans viele Remixe zumuten, wenn wir genug eigenes Material haben?

Auf dem Album ist auch ein deutschsprachiger Song ("Sturm & Drang"). Ist das eine Art, seine Herkunft zu zeigen, oder liegt es vielleicht daran, dass die Leute in Amerika einfach auf deutsche Vocals stehen?

Sascha: Das ist mehr eine Tradition von KMFDM. Wir haben immer mal so einen Song auf dem Album. Außerdem ist das meine Muttersprache. Und ich drücke mich auch gern in meiner Muttersprache aus.

Wenn Du die Diskographie von KMFDM betrachtest, welches Album - vom neuen abgesehen - gefällt Dir heute am besten?

Sascha: Schwer zu sagen. Auf jedem Album gibt es Sachen, die mir heute weniger gefallen, aber natürlich auch Stücke, die ich für sehr gelungen halte. Ich glaube, ein durchweg gutes Album ist "Nihil".

Das Cover der neuen Platte sieht wieder typisch nach KMFDM aus. Unter welchen Umständen würdest Du das Cover vom Stil her ändern lassen?

Sascha: Unter keinen Umständen. Ich sehe eine gewisse Evolution bei kreativen Leuten: Zuerst wird man nicht gekannt, dann wird man populär, dann zum Star, nun möglicherweise zum Superstar und die letzte Steigerung ist dann das Markenzeichen. Dann hören oder sehen die Leute es und verbinden damit kontinuierliche Qualität. KMFDM hat alles übersprungen und ist vom Nobody zum Markenzeichen geworden. Dabei hat die Covergestaltung einen hohen Stellenwert, weil sie zum visuellen Erkennungszeichen wird.

Hat KMFDM noch den selben Geist und die selbe Energie wie früher?

Sascha: Auf jeden Fall. Wenn nicht noch mehr Energie.

Ist das Musikbusiness in Amerika anders als hier?

Sascha: Ja schon. Korruption ist in den Staaten noch weiter verbreitet als in Europa. Du hast keine Chance, im Radio gespielt zu werden, wenn nicht eine große Plattenfirma dafür sorgt. Wirklich gute Sachen, die anders sind als der Einheitsbrei im Radio, werden unterdrückt, weil sie für kommerziell nicht erfolgreich gehalten werden. Das ist in Deutschland und Europa sicher auch der Fall. Nur der Stil, in dem das betrieben wird, ist in Amerika noch ausgeprägter. Aber der Charakter des Musikkonsumenten an sich ist letztendlich gleich oder ähnlich. Da gibt es keine großen Unterschiede.

Gibt es momentan deutsche Bands, die Du gut findest?

Sascha: Ich habe gerade die neue Platter von Deine Lakaien gehört. Sehr interessant. Das hatte ich überhaupt nicht erwartet. Ansonsten bin ich nicht sehr vertraut mit Sachen aus Deutschland. Kürzlich hörte ich noch ganz lustige Sachen: HipHop aus dem Hamburger Raum. Aber ich kann nicht sagen, dass es schon bestimmte Favoriten gibt.

Was für Musik hörst Du zu Hause?

Sascha: Im Grunde genommen nur die Musik an der ich arbeite.

Und im Auto?

Sascha: Alles das, was ich zugeschickt bekomme. Zum Beispiel von Metropolis oder Public Propaganda, oder Sachen, die mir Fans schicken. Im Auto höre ich sehr gern Musik. Dort ist die Spannung am höchsten, weil ich meistens keine Ahnung habe, was ich gerade in den Player stecke. Hinterher schaut man nach und wundert sich manchmal doch ganz schön.

Ist mit dem neuen Album eine Tour geplant? Und wenn ja, kommen KMFDM auch nach Deutschland?

Sascha: Auf jeden Fall. Es sieht sogar so aus, dass wir in Deutschland eher unterwegs sein werden als in den Staaten. Für uns sind die Sommer-Festivals sehr interessant. Außerdem haben wir in Europa großen Nachholbedarf. Wir wollen wieder präsent sein. Bisher gab es ja nur alle drei bis vier Jahre eine kleine Tour. Hinzu kommt, dass die USA im Sommer nicht unbedingt das beste Land zum Touren ist. Das hat mit klimatischen Gründen zu tun, aber auch damit, dass die großen Plattenfirmen ihre Tourneen mit den ganzen Schrottbands zusammenstellen, mit denen man sich sowieso nicht zeigen möchte. Außerdem sind die meisten Musiker von uns zur Zeit in Europa. Also werden wir hier starten und auch die Proben hier machen, anstatt alle in die Staaten zu fliegen und danach wieder her zu kommen.

Ist eine Tour für Dich eher Stress und notwendiges Übel, oder eine gute Möglichkeit, sich richtig auszutoben?

Sascha: Das kommt darauf an, was man im Vorfeld macht oder nicht macht. Die letzte Tour von mir war mit MDMFK im Sommer 2000 und verlief äußerst erfreulich und entspannt. Das Umfeld stimmte. Die Touren davor waren schwieriger, weil ich finanziell für jeden Erfolg oder Nichterfolg verantwortlich war. Wenn der Saal mal nicht ganz voll war, hieß es "autsch". Man muss sehr genau prüfen, was machbar ist und was für Garantien man im Vorfeld bekommen kann.

Du wohnst seit mehr als einem Jahrzehnt in den Staaten. Kannst Du Dir vorstellen, irgendwann wieder längerfristig in Deutschland zu wohnen?

Sascha: Im November, kurz bevor ich nach Hamburg kam, habe ich tatsächlich mit diesem Gedanken gespielt. Aber nach vier Wochen in Deutschland war ich froh, wieder zu Hause zu sein. In Amerika sind gewisse Dinge einfach leichter zu verwirklichen als in Deutschland. Es fängt bei Dingen wie Internet an. In den Staaten ist es easy, für wenig Geld pausenlos online zu sein. In Deutschland läuft das viel zu unbequem und umständlich. Überhaupt findet man in Amerika immer jemanden, der dich bei dem unterstützt, was du machen willst. In Deutschland trifft man häufig nur auf Unmut und Unwillen. Die Leute scheinen sich für manche Sachen zu schade zu sein.

Warum bist damals eigentlich weg aus Deutschland?

Sascha: Nach der Tour 1990 mit Ministry war völlig offensichtlich, dass wir unsere Platten in Amerika verkaufen und nicht in Europa. Während wir in Deutschland irrsinnige Schwierigkeiten hatten, überhaupt 400 Platten loszuwerden, verkauften wir in Amerika 40 000 von einem Album, 50 000 vom nächsten, dann 80 000, 120 00 usw. Es war einfach eine Überlebensfrage. In Deutschland habe ich rumgeknappst wie ein Vollidiot. Tagsüber der Bürojob und abends dann die wirklich wichtige Arbeit. Als ich nach Amerika kam, war klar: Hier kann ich Vollzeit an meiner Musik arbeiten und damit meinen Lebensunterhalt bestreiten. Die Eingewöhnungsphase war ein langer Prozess und je länger ich hier bin, je fremder fühle ich mich. Am Anfang dachte ich: Die Welt ist ein Dorf. Aber als Emigrant stellt man nach einer Weile fest, dass man überall fremd ist, egal wo man sich gerade befindet. Ich fühle mich weder in Hamburg noch in Seattle völlig heimisch.

Erkläre abschließend doch bitte den Bandnamen! Es soll Leute geben, die KMFDM nicht kennen...

Sascha: KMFDM ist ein Wortspiel und steht für "Kein Mehrheit für die Mitleid" - also "Mehrheit" und "Mitleid" absichtlich vertauscht. Dieser Name ergab sich durch Zufall einem Frühstück am 29. Februar 1984 in Paris. Ich wurde von einer Künstler-Gruppe eingeladen und sollte Sounds für die Eröffnung einer Ausstellung machen. Die hieß "Die jungen europäischen Wilden" oder so. Für den Abend brauchten wir ein Motto. Im Hotel lag eine Bild-Zeitung herum, die wir mit einer Nagelschere bearbeiteten. Schließlich ergab sich dann "Kein Mehrheit für die Mitleid" und wurde auch für die nächste Ausstellung übernommen. Langsam entwickelte sich das dann zu KMFDM.

Album-Diskographie:

1986 "What Do You Know Deutschland?"
1988 "Don´t Blow Your Top"
1989 "UAIOE"
1990 "Naive"
1992 "Money"
1993 "Angst"
1994 "Naive/Hell To Go"
1995 "Nihil"
1996 "Retro"
1996 "Xtort"
1998 "Agogo"
1999 "Adios"
2002 "Attak"

Band-Kontakt:

Internet: KMFDM-Website
E-Mail: kmfdm@kmfdm.net

Label-Kontakt:

Metropolis Records
Post Office Box 54307
Philadelphia
PA 19105
USA

Internet: www.metropolis-records.com

Interview: © 2002 Heiko Meyer

Fotos: Tibor Bozi