Zwischen Gut und Böse: Das Ich


Im dreizehnten Jahr ihres Bestehens melden sich Das Ich mit der dreizehnten Veröffentlichung "Anti´Christ" zurück. Nach zahlreichen Experimenten knüpft das deutsche Duo dort an, wo ihr heute zum Independent-Klassiker avanciertes Debüt-Album "Die Propheten" (1992) aufhört: ein kontroverser, zynischer und unverwechselbarer Cocktail, der mühelos den Spagat zwischen Tiefgang und Tanzfläche schafft. Das Duo Ackermann und Kramm im Gespräch:

Bruno, vergangenes Jahr sagtest Du anlässlich Deines Solo-Albums "Coeur", dass die depressivsten Alben entstehen, wenn es Dir gut geht, während die positiven Alben entstehen, wenn es Dir persönlich schlecht geht. Ist "Anti´Christ" ein depressives Album?

Bruno Kramm: Nein, auf keinen Fall. Zum Zeitpunkt des Solo-Albums hat das aber durchaus gestimmt, wobei "Anti´Christ" aus einer anderen Phase heraus entstand. Bei Das Ich versuchen wir beide gemeinsam, ein imaginäres Ich darzustellen. Das ist eine ganz andere Basis als ein Solo-Album, das von der Stimmung eines Einzelnen lebt. Aber ich sehe "Anti´Christ" wirklich nicht als depressives Album. Ganz im Gegenteil. Ich empfinde es als sehr euphorisierend.

Wie kam die Idee, dem Antichrist ein Album zu widmen?

Bruno: Gemeint ist nicht unbedingt das oft beschworene Bild der Unheilsverkündung aus der biblischen Offenbarung. "Anti´Christ" steht eher im Sinne der Dualität: Gut und Böse, Richtig und Falsch. Das ist natürlich abhängig vom Betrachtungspunkt. Man kann nie sagen, was letztendlich das Gute ist: der gute Christ und der böse Nicht-Christ, der Antichrist? Meist kann man auch dem polemisch-negativ Dargestelltem etwas Positives abgewinnen.

"Anti´Christ" schein dort anzuknüpfen, wo Euer Debütalbum "Die Propheten" von 1992 aufhört. Besteht eine besondere Verbindung?

Bruno: Mit "Anti´Christ" kehren wir ein bisschen zurück zu unseren Wurzeln. Das "Propheten"-Album wollten wir damals eigentlich schon "Anti´Christ" nennen. Das haben wir uns aber nicht getraut, weil wir mit "Die Propheten" nach "Satanische Verse" schon genug Probleme bekamen. Außerdem veröffentlichten wir nach "Staub" 1994 fast nur noch Experimente. Es gab das Album mit der Metal-Band Atrocity, den Soundtrack "Das Innere Ich", die Gottfried-Benn-Vertonung "Morgue", ... Ich will diese Alben wirklich nicht verdammen. Es waren wichtige Experimente. Aber wir entfernten uns immer mehr von dem, weshalb wir Das Ich damals starteten. Mit "Anti´Christ" wollten wir die Musik aus der "Propheten"-Zeit ins Jetzt transformieren.
Stefan Ackermann: Das "Propheten"-Album war ein sehr gefühlvolles Album, das aus dem Bauch heraus entstand. Danach war es für uns sehr schwer, etwas spontan und unbekümmert zu schreiben. "Anti´Christ" hingegen arbeitet wieder mit vielen Gefühlszuständen.

Hat sich die Arbeitsweise seitdem verändert?

Stefan: Nein. Es ist immer noch so, dass Bruno die Musik komponiert und arrangiert, und ich die Texte schreibe und singe. Aber es geht mittlerweile schneller als früher. Man lernt sich immer besser kennen und muss immer weniger erklären, was man machen möchte.

Die Texte beziehen ziemlich deutlich Stellung. Inwieweit stimmst Du mit Stefans Texten überein?

Bruno: Diese imaginäre Person, die wir darstellen, betrifft keinen von uns direkt. Wir versuchen eine theatralische Figur ins Leben zu rufen, die keiner von uns wirklich ist. Das Ich.

Von Nietzsche gibt es auch einen "Anti´Christ".

Bruno: Ich habe das Buch gelesen. Mich hat tief beeindruckt, mit welcher Härte Nietzsche die von Religionen als Druckmittel aufgebauten Mythen kritisierte. Genau das versuchen wir auch: die Begriffe zu entschlüsseln und dadurch die Angst davor zu nehmen.

Erzählt das Album eine Geschichte?

Bruno: Nein, diesmal nicht. Die Stücke sind in sich geschlossene Abschnitte, die zusammen als Ganzes wirken. Aber es gibt mit "Der Achte Tag" wieder einen klaren Abschluss, der für uns ein bisschen die Quintessenz des Albums ist. Wir haben uns vom reinen Konzeptdenken gelöst, weil das manchmal die Kreativität einschränkt. Deshalb lässt sich "Anti´Christ" viel angenehmer hören, ohne dass man gezwungen ist, einer Geschichte vom ersten bis zum letzten Song folgen zu müssen, um das ganze Album zu verstehen.

Du bist selbst DJ. Empfehle mal ein paar Stücke für die Tanzfläche.

Bruno: Bei anderen Bands fällt mir das leicht, aber bei einem selbst ist das nicht einfach. Wir haben im Vorfeld das Album an einige DJs unseres Vertrauens geschickt. Alle fanden das Album super, aber jeder hat andere Songs gespielt. Die DJs, die viel Future-Pop auflegen, nehmen eher Songs wie "Krieg Im Paradies". Dark-Wave-DJs wählten "Das Dunkle Land" oder "Garten Eden".

"Das Dunkle Land" hätte auch ziemlich gut auf Deine Solo-Platte gepasst. Meinst Du nicht?

Bruno: Eigentlich nicht. Die Thematik ist eine andere. Außerdem enthält der Song viele für Das Ich typische Elemente, während das Solo-Album eher in Richtung Future-Pop geht. Ich versuche da eine harte Trennung beizubehalten. Dieser Song ist wichtig, weil er dem Album eine gewisse Leichtigkeit verleiht und einen Zugang schafft.

Wie lange habt Ihr an "Anti´Christ" gearbeitet?

Bruno: Zweieinhalb Monate. Im Vorfeld legen wir die grobe Richtung fest. Dann fange ich an, erste Songs zu schreiben. Wenn klar ist, worum es inhaltlich geht, gebe ich Stefan ein Tape und er schreibt die Texte. Im Studio überarbeiten wir alles noch mal, passen zum Beispiel die Texte an, auch rhythmisch. Stefan schreibt sehr prosaisch. Das könnten mitunter 20 Minuten lange Stücke werden... Unsere Arbeitsweise ist wirklich unkompliziert.

"Anti´Christ" wird von Massacre Records veröffentlicht. Wie ist es dazu gekommen? Wird es künftig keine Tonträger mehr von Das Ich auf Eurem eigenen Label Danse Macabre geben?

Bruno: Ausgeschlossen ist das nicht. Ich habe vor, irgendwann einmal einen Best-Of-Sampler von Das Ich zu machen, und dabei auch den einen oder anderen Titel von Massacre lizenzieren zu lassen. Mir ist einfach bewusst geworden, dass es zu viel Arbeit ist, ein Album zu produzieren, sich selber zu promoten, Anzeigen und Storys klarzumachen, und dann noch Interviews zu geben. Deshalb war ziemlich früh klar, dass wir uns ein anderes Label suchen. Nachdem wir das Demo rausschickten, wollten es fast alle haben. Es kamen sehr viele Anfragen. Das Repertoire der meisten Labels umfasste hauptsächlich diese Future-Pop-Sachen, bei denen jeder momentan den Run auf den Mainstream sieht. Zu Massacre haben wir seit "Die Liebe" mit Atrocity eine sehr gute Beziehung. Und Thomas, A & R und Produktmanager, ist ein großer Fan von Das Ich. Er hat sogar noch unser erstes Demo-Tape im Schrank stehen und fragte eigentlich schon bei jedem Album an. Nach den Angeboten der ganzen Synthipop- und Major-Label kristallisierte sich schnell heraus, dass Massacre die ideale Firma ist: Es ist Begeisterung für das Projekt vorhanden und wir sind dort so deplaziert, dass wir in deren Katalog schon wieder eine gewisse Sonderfunktion einnehmen. Im Rahmen der Synthi-Labels wären wir eine elektronischen Band von vielen gewesen.

Denkt Ihr, dass "Anti´Christ" auch außerhalb der so genannten schwarzen Szene angenommen wird?

Bruno: Uns ist wirklich egal, welche Szene uns hört. Vermarktet wird überall. Manchmal geht so etwas doch schon im Vorfeld los, bevor man überhaupt Musik macht. Es gibt diesen großen Komplex der Underground-Musiker, dass sie erst etwas wert sind, wenn der Mainstream sie toll findet. Darauf haben wir keinen Bock mehr. Uns gibt es jetzt schon so lange. Unsere Verkäufe sind immer stetig gewesen. Wir haben ein sehr dankbares, wunderbares Publikum, das uns immer unterstützt. Wir wollen keine Kompromisse mehr. Das ist die Musik, die wir machen wollen. Ob sich der Mainstream dafür nun interessiert oder nicht.

Ist ein Videoclip zum Album geplant?

Bruno: Nein. Damit kann man wirklich eine Menge Geld verschwenden. Das haben wir ja bei edel erlebt. Wir haben einen Videoclip gemacht, "Destillat", und dann auch noch extra Zugeständnisse an die Plattenfirma: Für den Video-Edit kam eine poppige Sängerin. Schließlich lief er dann drei, vier Mal irgendwo, hat aber knapp 80 000 Mark gekostet. Die großen Musiksender entscheiden sowieso nach Quoten und Rotationen. Wir empfinden das als rausgeschmissenes Geld. Was wir mit 80 000 Mark alles an abgefahrenen Sachen realisieren könnten... Das "Reanimat"-Video haben wir damals mit einem Freund gemacht. Es hat nur 400 Mark Kosten verursacht. Der Clip ist jetzt auch mit auf dem Album als CD-Rom-Track. Von der technischen Seite her ist dieses Low-Budget-Video vielleicht nicht perfekt, aber sehr gut vom Stil und von der Aussage her. Wir haben kein großes Interesse mehr daran, quotenkompatible Videoclips zu machen.

Wo sind denn die Promo-Bilder entstanden? Scheint ja lustig gewesen zu sein...

Bruno: Vor allem war es kalt. Die entstanden unten bei uns im Keller von Schloss Cottenau, wo wir wohnen.

Noch eine Frage zu dem Hidden-Track auf der CD. Was ist das für ein Sprachsample?

Bruno: Der Hidden-Track ist als kleine ironische Note zu dem Grundtenor des Albums zu verstehen. Es wird die Offenbarung aus der Bibel vorgelesen. Von ganz vielen Menschen. Eigentlich sind es nur drei gewesen, aber per Computer-Technik hört es sich so an, als wären es sehr viele.

Wann startet Eure Tour?

Bruno: Ende September. Wir werden wieder eine neue, bewegliche Bühne bauen. Auftakt ist im August das M´Era-Luna-Festival in Hildesheim.

Gerade im Ausland habt Ihr viele Fans. Beschäftigen sich die auch mit Euren (deutschen) Texten?

Bruno: Schon, aber es fällt auf, dass wir nach Konzerten im Ausland oft gefragt werden, worum es in unseren Texten geht. Nach der Antwort sagen viele dann, dass sie sich das schon fast gedacht haben.

Wie wird es nach Album und Tour weitergehen?

Bruno: Wir werden nach der Tour konsequent an einem neuen Album arbeiten. Aber es wird keine Experimente mehr geben. Davon haben wir für ein Musikerleben schon ausreichend gemacht. Außerdem haben Stefan und ich ja noch unsere eigenen Projekte. Stefan bastelt gerade an einem Solo-Album, ich an meiner zweiten Solo-CD.

Diskographie:

1991 "Satanische Verse" Danse Macabre/EFA
1992 "Die Propheten" Danse Macabre/EFA
1993 "Stigma" Danse Macabre/EFA
1994 "Staub" Danse Macabre/EFA
1995 "Feuer" Danse Macabre/EFA
1995 "Die Liebe" (mit Atrocity) Massacre/east west
1996 "Das Innere Ich" Danse Macabre/EFA
1997 "Destillat" Edel/Connected
1997 "Kindgott" Edel/Connected
1997 "Egodram" Edel/Connected
1998 "Morgue" Danse Macabre/EFA
1999 "Re_Laborat" Danse Macabre/EFA
2001 "Coeur" (Kramm-Soloalbum) Synthetic Symphony/SPV
2002 "Anti´Christ" Massacre/Sony

Das Ich im Internet: www.dasich.de

Interview: © 2002 Heiko Meyer