PHILLIP BOA

Sehnsucht nach Pia


In der Welt der austauschbaren Chart-Marionetten von heute ist Phillip Boa eine der beständigsten Persönlichkeiten überhaupt. Nachdem sein vergangenes Album "The Red" von 2001 bewusst polarisierte, beschreitet der halbe Popstar mit seinem Voodooclub wieder konventionellere Wege. Seit dem 1. September steht das neue Album "C90" in den Läden und zur Freude aller Fans ist sogar Sängerin Pia Lund wieder mit von der Partie. Im Gespräch erzählt Phillip, wie es dazu kam:

Deine Sängerin Pia ist auf "C90" wieder mit dabei. Wie kommt´s?

Phillip: Das war ein langer Prozess. Ich hatte insgesamt fast 30 Lieder. Einige davon hatten schon die anderen beiden Sängerinnen auf dem Album eingesungen, nämlich Kristina aus England sowie Alison von den Beangrowers. Zusammen hatten sie etwa zehn Stücke eingesungen. Dann sehnte es mich nach der Stimme von Pia. Ihre Stärke ist es, dass sie wie ein Instrument klingt. Wenn zum Beispiel jemand anderes Songs wie "Slipstream" oder "By A Soul In Hell" singen würde, wären es ganz normale Pop- oder Rock-Songs. Durch ihre Stimme aber, klingen sie wie eine Art Soundtrack, wie ein Film.

Bist Du auf sie zugegangen?

Phillip: Ja klar, ich habe sie gebeten mitzumachen. Zunächst bin ich auf Ablehnung gestoßen und auch im Studio durfte ich nicht zugegen sein, wenn sie sang.

Hattet ihr in der Zwischenzeit regelmäßigen Kontakt?

Phillip: Ja, wir haben uns immer mal wieder gesehen. Rein privat ist es so, dass wir uns lieben und hassen. Und das erzeugt eine Menge Streit. Aus diesem Grund haben wir uns getrennt. Das hat sich im Prinzip nicht verändert. Auf künstlerischer Ebene war es jedoch harmonisch. Zum Beispiel waren die Festivals, auf denen wir gespielt haben, eine sehr schöne Angelegenheit.

Okay, sie singt ein paar Stücke. Hatte sie sonst noch Einfluss auf das neue Album?

Phillip: Sie hat nicht mitkomponiert oder getextet, aber stelle Dir das Lied "Slipstream" ohne ihre Stimme vor. Dann weißt Du, wie weit ihr Einfluss reicht. Das hängt von jedem persönlich ab, welche Bedeutung man ihrer Stimme beimisst.

Wird sich Pias Teilnahme auch auf die Titelauswahl der anstehenden Tournee auswirken?

Phillip: Ja. Wir werden wieder Lieder wie "Container Love" spielen. Das haben wir auch schon ausprobiert. Oder "And Then She Kissed Her", "This Is Michael" und solche Sachen. "Love On Sale" klappt irgendwie nicht momentan. Ansonsten eben Lieder, die wir lange nicht im Programm hatten.

Stimmst Du damit überein, dass Dein neues Album "C90" viel positiver klingt als der Vorgänger "The Red"?

Phillip Boa: Ja, es klingt wärmer, weniger radikal und vielleicht ein bisschen verspielter und befreiter. Es hat weniger Angst vor Melodien, weniger Angst so zu sein wie früher, weniger Angst vor Wiederholungen. Und auch weniger Angst vor dem eigenen Retro.

Wie ist der Albumtitel "C90" zu deuten? Ausschließlich eine Hommage an die fast ausgestorbene Musikkassette oder ein tiefergehendes Konzept?

Phillip: Nein, das ist schon ein Denkmal an das Medium Kassette, mit dem ich groß geworden bin. Und das man irgendwie geliebt hat, weil man liebevoll Musik von Vinyl oder später von CD oder aus dem Radio zusammengestellt hat. Diese Kassetten hat man dann im Auto gehört oder an die Freundin verschenkt. So sehe ich das Album auch. Es ist liebevoll und von relativ vielen Leuten bearbeitet worden, die auch alle ihre Lieblingssongs ausgewählt haben. Diese habe ich dann wiederum zu einem Album zusammengestellt.

Was für Geschichten erzählst Du auf "C90"?

Phillip: Es sind Geschichten aus meinem Leben, die sehr persönlich und zum großen Teil auch autobiografisch sind. Zum Teil aber auch nicht, denn in "The Girl Who Wants To Die Every Day" zum Beispiel ist die Figur erfunden. Manchmal sind die Texte schon sehr alt. Der von "It´s Not Punk Anymore It´s Now New Wave" stammt aus meiner Jugendzeit, als wir von der Schule aus in England waren und dort eine wunderbare Zeit verlebten. Damals, um 1979, als der New Wave aufkam, lernten wir diese neue Musik lieben und exportierten sie auch nach Deutschland.

Wie passen diese Geschichten zum Albumtitel?

Phillip: Es ist immer sehr schwierig einen Albumtitel zu finden, aber es passte einfach alles. "C90" hat eine Gesamtverbindung und auch etwas Romantisches, Sentimentales, was ja eigentlich gar nicht so schlimm ist.

Ein Song heißt "I´m An Ex Half Popstar". Wie stehst Du zu dieser These?

Phillip: Es ist ein persönliches Lied, zum Teil selbstironisch und zynisch. Ich war ja nie ein ganzer Popstar und auch der halbe, der ich vielleicht mal war, ist nicht mehr wirklich existent. Ich verwalte meinen Ruhm ja nur noch. Natürlich bringe ich noch neue, für mich wichtige Alben heraus, doch ich tue nicht mehr alles, damit sie sich so gut wie möglich verkaufen. Das Lied ist poetischer Natur und ich will jetzt nicht alles erklären, daher kann ich Dir nur sagen, worum es grob geht.

Worum geht es in "Slipstream"?

Phillip: Der Song ist ein bisschen unbewusst und beschreibt den Zustand, wenn man zum Beispiel am Strand liegt. So ist mir dieser Song eingefallen. Ich lag am Strand im Sand und habe gegen die Sonne geschaut und mich dabei sehr gut gefühlt, war aber nicht wirklich bewusst wach. In diesem Zustand habe ich dann die Worte des Songs aufgeschrieben. Später ordnete ich dem Text einen schon relativ fertigen, instrumentalen Soundtrack zu. Der originale Song passte perfekt auf diesen merkwürdigen Text.

Warum diesen und keinen anderen Song als erste Single?

Phillip: Das ist mein eigener Nihilismus, meine eigene kleine Selbstzerstörung. Er ist halt irgendwie merkwürdig. Das schien mir eine größere Herausforderung als zum Beispiel "Down" oder "Punch And Judyclub" zu nehmen.

Apropos "Down". In diesem Song sprichst Du davon, dass Deine Worte zu traurig klingen und Deine Reime zu schlecht sind. Das kannst Du doch nicht ernst meinen, oder?

Phillip: In diesem Lied schon. Da nehme ich mich ein bisschen selbst auf die Schippe, weil ich reime und das ist normalerweise nicht meine Welt. Reimen macht mir sonst die Message kaputt. Ich bin gegen Reime und versuche eigentlich, die zu vermeiden. Doch manchmal bieten sie sich eben an.

Diesmal waren wirklich sehr viele Leute an Deinem Album beteiligt. Wie kam es dazu?

Phillip: Mein erstes Album, "Philister" 1985, das logischerweise sehr wichtig für mich war, und das nächste, "Hair", hatten sehr gute Kritiken, auch aus dem Ausland, bekommen. Beide waren von der Arbeitsweise sehr ähnlich. Ich wollte mit "C90" ein bisschen zu dieser Arbeitsform zurück.

Anlässlich von "The Red" sagtest Du, dass Du gern zu einem Indie-Label möchtest. Nun bist Du aber noch immer bei BMG. Wie kommt´s? Ausschließlich eine vertragliche Angelegenheit?

Phillip: "The Red" vor zweieinhalb Jahren war sehr radikal und hat sich dementsprechend nicht soviel verkauft. Ich dachte, ich verliere damit meinen Plattenvertrag. Aber die von BMG haben mir noch ein Album angeboten und ich habe das dann gemacht. Ich würde auch zu einem Indie gehen. Man könnte zu V2, Labels oder Mute, aber es ist sehr schwierig, da es nicht genug Indies gibt. Einen guten Indie-Deal würde ich einem Major-Vertrag wahrscheinlich vorziehen, denn ich möchte schon dorthin wieder zurück, wo ich eigentlich herkomme. Jetzt schreibt ja sogar das "Spex"-Magazin wieder über mich. Früher war ich dort auf dem Titel und später haben die mich dann lange ignoriert.

Und warum? Weil Du zu einem Major gegangen bist?

Phillip: Nein. Die haben mich von etwa 1994 bis 2000 komplett ignoriert. Wenigstens haben sie mich nur ignoriert. Das war immerhin noch anständig. Sie hätten mich ja auch verreißen können. Ihnen gefiel wahrscheinlich diese erwachsene Phase von mir nicht. Zu dem Zeitpunkt war ich schon über 30 und hatte die Einstellung, dass ich das Leben kenne, auf meine Art auch irgendwie weise bin und wollte demzufolge auch erwachsener klingen - nicht langweilig, sondern eben ein bisschen etabliert, wie Leonard Cohen oder Lou Reed. Diese Phase war wahrscheinlich am meisten auf "My Private War" oder "Lord Garbage" zu hören. Das haben die von "Spex" halt nicht gutgefunden. Das haben einige von den Journalisten nicht gutgefunden, dass man als deutscher Musiker nach so vielen Jahren immer noch cool, credible und musikalisch akzeptiert sein kann. Selbst in England wäre es wahrscheinlich nicht einfacher. Man muss immer dafür kämpfen, um die Anerkennung aller Kritiker zu erhalten. Ich habe immer versucht, zu kämpfen und gute Musik zu machen, gute Songs zu schreiben. Nach der Meinung einiger Leute habe ich es mit diesem Album wohl besser geschafft.

Ist Dir denn die Meinung von Musikkritikern so wichtig?

Phillip: Ja, die war mir immer wichtig. Die Meinung der treuen Hardcore-Fans natürlich am meisten. In der Phase, die ich gerade angesprochen habe, erzählte ich öfters mal, dass mir Kritiken nicht wichtig seien. Das sehe ich heute nicht mehr so.

Um noch mal kurz zu dem Major-Thema zurückzukehren: Haben Dir die Leute bei BMG jemals in Deine Musik reinreden wollen?

Phillip: Nein, überhaupt nicht. Die haben genug Künstler, denen sie in die Musik reinreden. Und die wenigen ambitionierten, nicht so kommerziellen Künstler, die sie in Deutschland haben, lassen sie dann in Ruhe, denke ich.

In einem Interview im April des vergangenen Jahres, als Du noch mit dem Schreiben der Songs für "C90" beschäftigt warst, sagtest Du, dass dieses das letzte offizielle Studio-Album von Phillip Boa werden könnte. Wie stehst Du heute zu dieser Aussage?

Phillip: Ich bin jetzt 40 und wenn ich die Zahl höre, glaube ich das selbst nicht. Es ist schockierend, wie schnell die Zeit vergangenen ist. Wenn ich das jetzt so sage, höre ich mich wie ein alter Mann an, der ich vielleicht auch bin. In diesem Zustand muss man auch mal über sich selbst nachdenken und seine Existenzberechtigung überprüfen. Deswegen muss ich auch Kritiken und Website-Kommentare lesen und mit den Fans reden, um Feedback zu bekommen, ob es noch sinnvoll ist, eine neue Platte zu machen. Ich könnte ohne Probleme noch einige Jahre damit verbringen, mein Archiv zu ordnen, neu zu mastern und zum Beispiel auf DVD zu veröffentlichen.

Was außer Musik könnte sonst Dein Leben füllen? Würdest Du Deine Fans nicht vermissen?

Phillip: Natürlich würde ich meine Fans vermissen. Das ist doch immer so im Leben. Wenn plötzlich die Schule zu Ende ist und man sein Leben ändert, vermisst man ein paar Freunde. Am Ende des Studiums geht man und verliert auch wieder seine Freunde oder verliert das Studieren, was man eigentlich geliebt hat. Irgendwann muss man von einigen Dingen Abschied nehmen, so ist das Leben eben. So wäre das dann auch. Klar, wäre es traurig, aber ich würde es langsam ausklingen lassen. Es lagern noch viele Songs unvollendet im Archiv, die es auf die jeweiligen Alben nicht geschafft haben - weil sie nicht drauf passten, nicht weil sie schlecht waren. Es gibt noch soviel zu tun. Diese Traurigkeit kann man ignorieren. Man muss ja nicht ganz aufhören, wenn man kein neues Studioalbum mehr macht.

Wäre es nicht mal wieder Zeit für ein Live-Album? Und vielleicht sogar auch für eine Live-DVD?

Phillip: Es ist extrem Kosten aufwändig, ein Live-Album wie damals "Exile On Valetta Street" aufzunehmen. Wenn man es wirklich gut macht, muss man mehrere Konzerte auf 48 Spuren mitschneiden, verschiedene Mikrophone auf einem Mobile-Recording-Studio aufnehmen. Das passt überhaupt nicht mehr in die Zeit. Was wir haben, sind viele Mitschnitte vom Mischpult, auf Kameras, auf Minidisc und auch viele Bilder von Konzerten. Das könnte man bearbeiten und irgendwann mal auf die jeweiligen DVDs übertragen und die re-releasen. Man hat ja die ganzen Songs: alte, neue, unveröffentlichte, ... eine Menge Tonmaterial. Aber eigentlich nicht die Bilder dazu. Man kann auch parallel zu den großen Formaten, die man von der Quantität hat, immer wieder Live-Stücke als Bonustracks veröffentlichen.

Wann spielst Du mal wieder im M.A.U.-Club in Rostock?

Phillip:: Wow ja, das reicht meistens, wenn man ein Konzert macht, wo nicht genug Leute kommen. Wir haben den M.A.U.-Club immer ausverkauft und es war immer genial. Ich mag den Club und die Atmosphäre dort sehr, gerade wenn es überfüllt ist. Da sind wir mal Weihnachten mit anderen Bands gekommen und es hat irgendwie überhaupt nicht funktioniert. Seit dem war es von beiden Seiten ein bisschen problematisch, leider.

Auch in Süddeutschland spielst Du diesmal nicht. Wonach werden die Tour-Orte ausgewählt?

Phillip: Es ist eine teure Tournee. Die Ticketpreise sind wahrscheinlich auch teuer, aber wir nehmen sehr gute Technik mit und die Produktionskosten sind immens. Eine Agentur finanziert das vor und daher nehmen die halt die Städte, in den auch die Leute kommen. In München kommen noch weniger als in Rostock, das ist dort immer schon ein Problem gewesen. Dann kann man dort nicht spielen, ganz einfach - weil niemand das Risiko übernimmt. Wenn nur 300 Leute kommen würden, die Produktionskosten aber 900 erfordern, ist das ein Problem, auch um einen örtlichen Veranstalter zu finden. Stuttgart könnte man eigentlich noch machen. Wir spielen in Offenbach, das ist südlich von Frankfurt. In Nürnberg geht es eigentlich auch immer noch recht gut. Das ist wie bei einer ausländische Band, die für ein paar Tage nach Deutschland kommt und das sehr hochwertig produziert haben will. Damit es super klingt. Und bei uns ist alles live. Viele Kollegen machen es nur per DAT, aber wir spielen wirklich live. Das muss die beste Crew sein, die beste PA...

Neulich tauschten sich in einem Internet-Forum Fans von Dir darüber aus, wie Du zur so genannten schwarzen Szene stehst, warum Du in deren Magazinen auftauchst und warum Du auf deren Festivals spielst. Deine Fans waren sehr unterschiedlicher Meinung. Was sagst Du zu diesem Thema?

Phillip: Das Spezielle an Phillip Boa & The Voodooclub ist, dass wir Fans in allen möglichen Genres und Szenen haben. Das war schon immer so. Es gibt eben Bands, wo es ähnlich ist: zum Beispiel The Smiths, Cure, New Order oder Depeche Mode. Das wächst aus einer Tradition heraus und aus dieser Zeit kommen wir auch. Wie klingen zwar nicht unbedingt so, doch wir haben auch in der Gothic-Szene Fans, weil wir für sie scheinbar interessant sind.

Wie geht es jetzt weiter?

Phillip: Ich habe mit Pia die Absprache, bis Ende des Jahres zusammen zu arbeiten. Zum Jahresende machen wir vielleicht noch unsere traditionellen Weihnachtskonzerte in Leipzig. Für danach haben wir keine weiteren Absprachen. Ich denke, dass ich mich dann eine Zeitlang ausklinken werde, um zu sehen, was passiert und um mich zu erholen. Wenn man sich nicht mal komplett entspannt, kann man keine neuen Songs schreiben.

Danke für dieses Gespräch.

© 2003 Heiko Meyer

Kontakt:

www.phillipboa.de